Wer heute an der Bockenheimer Warte aus der U-Bahn steigt, steht an einem der ältesten Punkte des Stadtteils und zugleich an einem der lebendigsten. Hinter dem gotischen Wartturm beginnt eine Geschichte, die viel weiter zurückreicht als die der meisten Frankfurter Viertel: Bockenheim war ein eigenes Dorf, eine eigene Stadt mit eigenem Bürgermeister, und es wurde erst 1895 ein Teil Frankfurts.
Diese Eigenständigkeit spürt man bis heute. Bockenheim hat seine eigene Hauptstraße, seinen eigenen Markt, seinen eigenen Ton. Diese Chronik führt vom karolingischen Dorf des 8. Jahrhunderts über die Industriestadt des 19. Jahrhunderts und die Universität bis zum geplanten Kulturcampus der 2030er Jahre.
- 768: Bochinheim im Lorscher Codex
- Hanauische Jahrhunderte: 1320 bis 1736
- 1434: Die Bockenheimer Warte und die Landwehr
- 1736: Übergang an Hessen-Kassel
- 1819: Bockenheim wird Stadt
- Ab 1820: Industriestadt und Eisenbahn
- 1895: Eingemeindung nach Frankfurt
- 1914: Die Universität zieht ins Jügelhaus
- NS-Zeit, Pogrom und Kriegszerstörung
- Ab 1950: Wiederaufbau und Studentenviertel
- Ab 2000: Uni-Umzug und City West
- Ausblick: Der Kulturcampus bis in die 2030er Jahre
- Quellen
768: Bochinheim im Lorscher Codex
Die Geschichte Bockenheims beginnt als Dorf in der fruchtbaren Niddaaue. Erstmals urkundlich greifbar wird der Ort in den Jahren zwischen 768 und 778, als "Bochinheim" in einer Schenkungsurkunde zugunsten des Klosters Lorsch erscheint, überliefert im Lorscher Codex.1
Der Name deutet auf eine Siedlung der fränkischen Landnahme hin, das "heim" ist typisch für Ortsgründungen dieser Epoche. Bockenheim war damit deutlich älter als die meisten heutigen Frankfurter Stadtteile und lag günstig an einem alten Verkehrsweg westlich der Reichsstadt Frankfurt. Diese Nachbarschaft zu Frankfurt sollte die gesamte weitere Geschichte des Ortes prägen, mal als Konkurrenz, mal als Schutz, am Ende als Eingemeindung.
Hanauische Jahrhunderte: 1320 bis 1736
1320 verpfändete König Ludwig IV. den Bornheimerberg, einen Gerichts- und Verwaltungsbezirk, an Ulrich II. von Hanau. Damit geriet auch Bockenheim in den Einflussbereich der Herren und späteren Grafen von Hanau.2
Das Verhältnis zur großen Nachbarstadt blieb eng verzahnt. 1438 erhielten Bockenheimer Bürger das Frankfurter Burgrecht, eine Art Schutzbürgerschaft. Nach langem Streit zwischen Frankfurt und Hanau wurde Bockenheim 1481 durch Vergleich endgültig hanauischer Besitz.3 Über Jahrhunderte blieb der Ort damit politisch von Frankfurt getrennt, obwohl die Felder beider Gemeinden direkt aneinanderstießen.
Eigenständig vor der Haustür Frankfurts
Bockenheim war über 1100 Jahre lang ein eigener Ort, erst Dorf, dann Stadt. Diese lange Selbstständigkeit erklärt, warum der Stadtteil bis heute ein ausgeprägtes Eigenleben mit eigener Mitte hat. Mehr zur heutigen Gliederung in unserer Übersicht der Stadtteile rund um Bockenheim.
1434: Die Bockenheimer Warte und die Landwehr
Mitten in dieser Zeit entstand das bis heute bekannteste Wahrzeichen. Zwischen 1434 und 1435 ließ die Reichsstadt Frankfurt am westlichen Ende der heutigen Bockenheimer Landstraße einen Wartturm errichten, die Bockenheimer Warte.4
Der zylindrische gotische Turm war Teil der Frankfurter Landwehr, eines Systems aus Gräben, Hecken und Türmen, das die Handelswege und das Stadtgebiet sichern sollte. Streng genommen steht die Warte heute knapp jenseits der Stadtteilgrenze im Westend, gilt aber seit jeher als Symbol Bockenheims. Der Turm ist als Kulturdenkmal nach dem Hessischen Denkmalschutzgesetz geschützt, an seinem Fuß findet bis heute donnerstags ein Wochenmarkt statt. Wer mehr über die markanten Orte des Viertels lesen will, findet sie in unserer Liste der Sehenswürdigkeiten in Bockenheim.
1736: Übergang an Hessen-Kassel
1736 starb mit Johann Reinhard III. der letzte Graf von Hanau. Über seine Erbtochter fiel die Grafschaft Hanau-Münzenberg und damit auch Bockenheim an Landgraf Friedrich I. von Hessen-Kassel.5
Diese Zugehörigkeit zu Hessen-Kassel ist mehr als eine Fußnote, denn sie legte den Grundstein für den großen Sprung des 19. Jahrhunderts. Während das benachbarte Frankfurt als Freie Reichsstadt der Industrie lange skeptisch gegenüberstand und Manufakturen erschwerte, sah Hessen-Kassel in Bockenheim einen Standort, an dem man genau diese Industrie ansiedeln konnte, direkt vor den Toren der wohlhabenden Messestadt.
1819: Bockenheim wird Stadt
Am 13. Juni 1819 erhob Kurfürst Wilhelm I. von Hessen-Kassel das Dorf Bockenheim zur Stadt. Das Ziel war ausdrücklich wirtschaftlich: Man wollte Gewerbe und Industrie in der Nachbarschaft des damals industriefeindlichen Frankfurt ansiedeln.6
Die Rechnung ging auf. Bockenheim erhielt eine eigene Stadtverwaltung, einen Bürgermeister und das Recht, sich gewerblich zu entfalten. In den folgenden Jahrzehnten wuchs die kleine Stadt rasant und entwickelte ein Selbstbewusstsein, das die spätere Eingemeindung umso schwerer machen sollte.
Ab 1820: Industriestadt und Eisenbahn
Den Anfang machte 1820 die Chaisenfabrik "Wagner und Reifert", gegründet von Johann Konrad Reifert aus dem Taunus, die Kutschen und Wagen baute.7 Es folgten Schlag auf Schlag weitere Betriebe.
Zwischen den 1840er und 1870er Jahren siedelten sich namhafte Unternehmen an, darunter die spätere Scheideanstalt Rössler (eine Wurzel der Frankfurter Chemietradition rund um die Degussa), die Chemische Fabrik Griesheim, die Metalltuchfabrik Ratazzi und May sowie mehrere Maschinenfabriken.8 Bockenheim wurde zu einem der wichtigsten Industriestandorte der Region.
Entscheidend war die Verkehrsanbindung. 1850 fuhr die erste Bahn auf der Main-Weser-Bahn durch Bockenheim, 1872 eröffnete mit einer Pferdebahn die erste Frankfurter Straßenbahnlinie, die durch den Ort führte.9 Diese Anbindung machte aus dem Bauerndorf binnen weniger Jahrzehnte eine dicht besiedelte Arbeiterstadt.
In wenigen Jahrzehnten wuchs aus dem Dorf an der Nidda eine Industriestadt mit mehr als 20.000 Einwohnern.
Mit dem Wachstum kam auch eine vielfältige Bevölkerung. Eine jüdische Gemeinde bestand in Bockenheim seit dem 17. Jahrhundert. 1873/74 wurde an der Ecke Rödelheimer Straße / Schlossstraße eine neue Synagoge erbaut und 1874 eingeweiht, um 1930 zählte die Gemeinde rund 600 Mitglieder.10
1895: Eingemeindung nach Frankfurt
Je größer Bockenheim wurde, desto näher rückte es an Frankfurt heran, räumlich wie wirtschaftlich. Zum 1. April 1895 schlossen die beiden Städte einen Eingemeindungsvertrag: Bockenheim wurde Stadtteil von Frankfurt am Main. Auf Frankfurter Seite unterzeichnete Oberbürgermeister Franz Adickes, auf Bockenheimer Seite Bürgermeister Adalbert Hengsberger.11
Bockenheim war damit mit Abstand die größte Gemeinde, die Frankfurt im Zuge seiner Stadterweiterungen aufnahm. Mit rund 20.500 Einwohnern brachte der Stadtteil über Nacht eine vollständige Stadtstruktur ein: Rathaus, Kirchen, Schulen, Fabriken und ein dichtes Wohnviertel. Viele Bockenheimer empfanden den Verlust der Selbstständigkeit als Bruch, und ein gewisser Lokalstolz hat sich bis heute gehalten.
Frankfurts größter Zugewinn
Mit der Eingemeindung 1895 wuchs Frankfurt schlagartig nach Westen. Heute ist Bockenheim einer der bevölkerungsreichsten Stadtteile der Stadt. Aktuelle Zahlen zu Einwohnern und Struktur findest du in unserem Überblick Einwohner in Bockenheim sowie in der Statistik zu Bockenheim.
1914: Die Universität zieht ins Jügelhaus
Wenige Jahre nach der Eingemeindung erhielt Bockenheim eine Einrichtung, die den Stadtteil bis heute prägt. Am 18. Oktober 1914 wurde im Hörsaal des Jügelhauses die Johann Wolfgang Goethe-Universität gegründet, die erste Stiftungsuniversität Deutschlands.12
Das klassizistische Jügelhaus an der Mertonstraße, benannt nach dem Stifter Carl Christian Jügel, war bereits 1906 als Akademie für Sozial- und Handelswissenschaften nach Plänen von Ludwig Neher errichtet worden. Es wurde zum Herzstück des neuen Campus Bockenheim, der rund hundert Jahre lang der zentrale Standort der Universität blieb.13
Mit der Universität kamen Studenten, Verlage, Buchhandlungen und ein intellektuelles Milieu, das dem ehemaligen Arbeiterviertel einen ganz neuen Charakter gab. Diese Mischung aus Industriearbeit und Hochschule machte Bockenheim zu einem der vielfältigsten Stadtteile Frankfurts.
NS-Zeit, Pogrom und Kriegszerstörung
Die Zeit des Nationalsozialismus hinterließ auch in Bockenheim tiefe Spuren. In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 wurde die Synagoge an der Rödelheimer Straße im Novemberpogrom verwüstet und in Brand gesteckt. Die Brandruine wurde wenig später abgebrochen, die jüdische Gemeinde Bockenheims wurde durch Vertreibung und Deportation ausgelöscht. Eine Gedenktafel am Synagogenplatz erinnert seit November 1988 daran.10
Im Zweiten Weltkrieg wurde Bockenheim wie weite Teile Frankfurts schwer getroffen. Luftangriffe, vor allem 1944, zerstörten zahlreiche Gebäude, darunter das Bockenheimer Rathaus, die St.-Elisabeth-Kirche und das Markus-Krankenhaus.14
Die historische Bausubstanz des alten Stadtkerns wurde teils unwiederbringlich beschädigt. Vieles, was die kleine Stadt des 19. Jahrhunderts ausgemacht hatte, ging in diesen Jahren verloren.
Ab 1950: Wiederaufbau und Studentenviertel
Nach dem Krieg wurde Bockenheim zügig wieder aufgebaut. Die St.-Elisabeth-Kirche war bereits am 30. April 1950 wiederhergestellt, 1958 entstand das Markus-Krankenhaus neu auf der Ginnheimer Höhe.14
In den folgenden Jahrzehnten wuchs der Campus Bockenheim weiter, und mit ihm das studentische Leben. Rund um die Universität entstand ein alternativ geprägtes Viertel mit vielen Kneipen, Bars, Buchläden und kleinen Geschäften. Die Leipziger Straße entwickelte sich zur lebendigen Einkaufsstraße, die bis heute das Rückgrat des Stadtteils bildet.15
Ein Schlüsselmoment für die Anbindung war der U-Bahn-Bau: Die Station Bockenheimer Warte wurde zu einem zentralen Knotenpunkt im Frankfurter Netz und verband das Viertel direkt mit der Innenstadt. Bockenheim galt nun als bezahlbares, lebendiges Wohnviertel zwischen Uni und Industrie, ein Ruf, der erst in jüngerer Zeit dem Druck steigender Mieten weicht. Wie sich die Wohnkosten heute darstellen, zeigt unser Mietspiegel für Bockenheim.
Ab 2000: Uni-Umzug und City West
Mit dem neuen Jahrtausend setzte ein tiefgreifender Strukturwandel ein. Die Goethe-Universität begann, ihre Institute schrittweise vom alten Campus Bockenheim abzuziehen: Geistes- und Sozialwissenschaften zogen an den neuen Campus Westend, die Naturwissenschaften an den Campus Riedberg.13
Am 23. August 2011 verkaufte das Land Hessen das Campusgelände an die städtische ABG Frankfurt Holding. Damit war der Weg frei für eine vollständige Neuordnung des alten Hochschulviertels, auch wenn der Auszug der Universität über viele Jahre eine spürbare Lücke hinterließ.16
Parallel entstand im Nordwesten ein völlig neues Gesicht des Stadtteils. Entlang der Theodor-Heuss-Allee, gegenüber dem Messegelände, wuchs die City West heran: ein Quartier aus Büro-Hochhäusern von rund 70 Metern Höhe, Wohnungen und Hotels, vor allem geprägt von Versicherungen und Finanzdienstleistern. Türme wie der St. Martin Tower oder das IBC bilden hier eine eigene kleine Skyline am westlichen Rand Bockenheims.17
So treffen im heutigen Bockenheim drei Welten aufeinander: das gründerzeitliche Wohnviertel rund um die Leipziger Straße, der ehemalige Industriegürtel mit dem Industriehof und die moderne Hochhausstadt der City West. Frankfurt zählte für den Stadtteil zum 31. Dezember 2024 rund 45.500 Einwohner auf gut acht Quadratkilometern, womit Bockenheim zu den bevölkerungsreichsten Stadtteilen der Stadt gehört.18
Ausblick: Der Kulturcampus bis in die 2030er Jahre
Die größte Veränderung der kommenden Jahre trägt einen Namen: Kulturcampus Frankfurt. Auf dem frei werdenden Gelände des alten Universitätscampus soll ein neues Quartier für Kultur, Bildung und Wohnen entstehen. Kernstück ist die Hochschule für Musik und Darstellende Kunst, die hierher ziehen soll.19
Das Projekt kommt allerdings nur langsam voran. Zwischen der ersten Idee im Jahr 2010 und der geplanten Fertigstellung liegt inzwischen rund ein Vierteljahrhundert. Nach aktuellen Planungen ist mit dem Baubeginn des ersten Gebäudes erst um 2034 zu rechnen, eine Fertigstellung wird frühestens gegen Ende der 2030er Jahre erwartet.20
Erste Zwischennutzungen beleben das Areal aber schon heute. Die ehemalige Dondorf-Druckerei an der Sophienstraße wurde saniert, im September 2025 zog dort übergangsweise die Schirn Kunsthalle ein, und eine Kunstbibliothek hat dem Kulturcampus erste kulturelle Inhalte gegeben.21
Dazu kommt der anhaltende Wandel der City West, wo weitere Büro- und Wohnhochhäuser geplant sind, sowie die Daueraufgabe, bezahlbaren Wohnraum in einem zunehmend begehrten Viertel zu sichern. Wie sich die Lebenshaltung in Bockenheim entwickelt, ordnen wir in unserem Überblick zu den Lebenshaltungskosten in Bockenheim ein.
Was sich nicht ändert, ist der eigene Charakter. Vom karolingischen Dorf über die hanauische Landstadt und die Industriestadt des 19. Jahrhunderts bis zum heutigen Mix aus Uni-Tradition, Gründerzeit und Hochhäusern: Bockenheim hat in über 1250 Jahren oft das Gesicht gewechselt, seinen eigenen Kopf aber behalten.